12. Februar 2015

Sammelsurium menschlicher Abgründe

Beim vorletzten Bücherkauf geriet mir die Leseprobe zu Krähenmädchen von Erik Axl Sund, dem Pseudonym eines Autorenduos aus Skandinavien in die Hände und weil ich in der Bahn nix besseres zu tun hatte (außer vielleicht in meinem Kopf meine Mitreisenden ununterbrochen für ihr Verhalten als Untermenschen zu bezeichnen), hab ich die 30 Seiten mal schnell runtergelesen und danach stand fest:
Ich. Brauche. Dieses. Buch.*

Text vom Buchrücken, mit einigen Anpassungen meinerseits, um das ganze etwas auszuschmücken und deutlicher zu machen:

Stockholm [such Schweden, very generic, so awesome]: 
Ein Junge [Genderquality! Sonst sind es immer Mädchen...] wird tot in einem Park gefunden. Sein Körper zeigt Zeichen schwersten Missbrauchs. Und es bleibt nicht bei der einen Leiche [oho, wie überraschend]... Auf der Suche nach dem Täter bittet [die quasi-depressive] Kommissarin Jeanette Kihlberg die [psychisch kranke] Psychologin Sofia Zetterlund um Hilfe, bei der eines der Opfer in Therapie war. Ihr Spezialgebiet sind Menschen mit multiplen Persönlichkeiten [vorzugsweise Ex-Kindersoldaten aus Afrika, der Dramatik wegen]. Eine andere Patientin [tatsächlich?] Sofias ist Victoria Bergman, die unter einem [nur?] schweren Trauma leidet. Sofia lässt der Gedanke nicht los, bei ihr irgendetwas übersehen zu haben... [an dieser Stelle ist „irgendetwas“ leicht untertrieben]. Schließlich müssen sich Jeanette und Sofia fragen: Wie viel Leid kann ein Mensch verkraften, eher er selbst zum Monster wird [und wie doof sind manche Menschen eigentlich, innerhalb von 5 Sekunden wild fremden ihre volles Vertrauen zu schenken]?

Soviel dazu...

Erstmal bin ich begeistert von diesem Buch:
Psychisch kranke Charaktere und damit meine ich selbst für meine Begriffe psychisch krank und jeder der mich kennt, weiß, dass die Messlatte da recht hoch liegt.**

Depression und Trostlosigkeit, das Schwinden jeder Hoffnung, hach, da geht mir das Herz auf.

Tränendrüsenstories, die in Wahrheit keine sind, sondern reine Gewaltorgien der perfidesten Stufe, ich habe fast Diabetes bekommen.

Ein, zwei Plottwists, die sich im Grunde vorher ankündigen, die man aber für zu abwegig hält, als dass man sie ernsthaft in Betracht zieht und man denkt sich nur: Autsch.

Kindesmisshandlung wo man hinguckt, Menschenhandel, Sklavenausbildung, ein Spaß für die ganze Familie.

Cliffhanger, gerade da, wo eine massive Offenbarung für die Handlung gemacht wird.

Aber... Ja, bei mir geht nix ohne aber:
Es wirkt ein bisschen wie ein Flickenteppich, verbunden mit dünnen roten Fäden und ner Menge Seemannsgarn. 
Die beiden Autoren scheinen die skandinavischen Krimi/Thriller-Regale der letzten Dekade durchgegangen zu sein, haben sich überall ein paar Notizen gemacht, die Lücken mit ihren eigenen Ideen gefüllt und das dann als Buch veröffentlicht.
Wie z.B. eine depressive Frau mit Alkoholiker als Mann ein Kind adoptieren können... Schwer vorstellbar. Genauso wie einige Zusammenhänge, ne, das ist zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Aber ich denke, denen ging es nicht darum, eine möglichst originelle, nur eine möglichst perfide Story zu erzählen und das gelingt ihnen enorm gut, diese menschlichen Abgründe machen einfach Spaß beim Lesen, da verkraftet man die ein oder andere Logiklücke.
Ich vergebe dafür 7,5 von 10 Antidepressiva... ähm... Sterne.
Bin gespannt, was die nachfolgenden Teile können. Hähä.


*Details:
Eine der Hauptpersonen bastelt sich ihr eigenes Sklavenzimmer:
Komplett Schall- und Blickisoliert, verdeckt durch ein Bücherregal, in dem dann die Flüchtlingskinder zu Leibeigenen ran gezogen und ggf. entsorgt werden. Enorm detailliert geschrieben, damit hatten sie mich in der Leseprobe direkt in der Tasche.

**Achtung, massiver Spoiler:

Dass Sofia und Victoria ein und die selbe Person sind, hab ich echt viel zu spät verstanden, aber die ganze Geschichte über ihre Gedächtnislücken, das „Einschlafen“ usw., einer der raffinierteren Schachzüge in diesem Buch, dafür beide Daumen nach hoch.

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