19. August 2013

Mathe ist super

Ich mag Mathematik. Das kleine EinmalEins, Differentialrechnung, das große EinmalEins, Integralrechnung und seit neuestem auch das Schwarze EinmalEins.
Die Rede ist selbstverständlich vom neuen Saltatio-Mortis-Album.
Mit dieser Platte ist den Spielleuten mal wieder ein grandioser Silberling aus der Feder gesprungen, diesmal bewusst offen gesellschaftskritisch, was sonst mehr oder weniger hinter Zweideutigkeiten mit Fingerzeig darauf versteckt wurde. Reiner Tisch, finde ich super, aber meinetwegen muss nicht jedes Album in Zukunft genauso werden, es ist eine willkommene Abwechslung.
Musikalisch geht es viel mehr als sonst in Richtung Rock, aber das Mittelalter kommt nicht zu kurz, das sei direkt gesagt, auch wenn es nicht nackt aus dem Busch springt, es ist da, lauert, schlägt schnell zu, verschlingt alles, weidet sich am Leid seines Opfers, genießt den Anblick von zersplitterten Knochen und Blutströmen... ähm, ich schweife ab. Wo war ich?
Musik. Album. Mathe. SM.
Ja, also das Album ist insgesamt eine Punktlandung, besonders das Songwriting ist enorm gut gelungen, musikalisch teilweise etwas repetierend, aber darauf lag nicht der Fokus, also fällt das nicht so schwer ins Gewicht. Die Kombination aus viel Rock, ein bisschen Mittelalter und in mittelalterlich Gewand verpackten, aktuellen Themen funktioniert, es gibt Auf-die-Fresse- und Powersongs, genauso wie es viel Ruhiges und ein Bisschen was dazwischen gibt.
Ich geh mal die Lieder durch, die mir besonders in den Ohren geblieben sind, die nicht erwähnten sind trotzdem super, ich will nur Schwerpunkte setzen.

Wachstum über Alles: Die erste Single, sicherlich in letzter Zeit schon von vielen gehört, viel diskutiert, ich denke, ein absolut notwendiges und mutiges Lied, das sehr viel auf den Punkt bringt und meine Meinung in vielen Dingen absolut trifft:
(Wirtschafts-) Wachstum wird über alles gestellt, der Rest ist sekundär, absolut korrekt, Stagnation kann bei verbesserter Qualität, Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit mittel- und langfristig deutlich mehr positiv bewirken, als ein reines Wachstum, das auf den Schultern von ausgebeuteten Arbeitern steht und nur dem Wohle einer kleinen Geld- und Machtelite dient, während bei den eigentlich Schaffenden wenig bis nichts vom Erfolg des Wachstums ankommt.
Zumal hier noch die 80-20 Regel angewandt werden kann, die leicht überspitzt besagt, dass man mit 20% Leistung 80% Erfolg erreicht und 80% für die fehlenden 20% benötigt werden, kurz, je weiter es wächst, desto mehr muss investiert werden, um wenigstens noch ein einziges % Wachstum zu ermöglichen. Dies zeigt direkt die Grenzen auf, irgendwann wird es selbst in unserer verkackten Welt unmöglich, noch wirtschaftlich rentabel Wachstum zu erzeugen.
Den musikalischen Schritt, die deutsche Nationalhymne einzuflechten, um auf die Verflechtung unseres Staates in diesen Vorgang zu betonen und auf den Missstand hinzuweisen, dass es der Politik (ich meine damit vor allem unsere tolle Regierung, aber genauso die Opposition, die auch keine in meinen Augen, sinnvolle Alternative bildet, aber dazu im September zur Bundestagswahl deutlich mehr) wichtiger ist, die Wirtschaft am laufen zu halten, als für das Wohl der Bürger, was die eigentliche Pflicht des Staates ist (jedenfalls, in dem Maße, dass er übereben kann), zu sorgen.
Dann noch ein Punkt dazu, dann spring ich auch zu den andern Liedern: Die Zeile "Setzt die ganze Welt in Brand / Lasst und über Leichen gehen / Aug um Aug und Hand um Hand" bringt auch noch ein wesentliches Problem dieser Welt auf den Punkt: Die sog. Entwicklungsländer werden immer weiter ausgebeutet, leiden unter unmenschlichen Lebensbedingungen und der Westen labert nur, anstatt etwas dagegen zu tun und pumpt weiter Geld in ein marodes Wirtschaftssystem, gibt horrende Summen für Rüstungsprodukte aus, die in Krisenländern noch mehr Tote zur Folge haben, alles um die eigene Wirtschaft am laufen zu halten. Auch hier finde ich den
So. Wunderbar gemeines Lied, dass uns den Spiegel vorhält, in meinen Augen das beste vom Album, auch wenn jetzt die Nöler kommen: "mimimi, auf den Zug springen, blablabla", ich weiß was ich denke und mag, also lest nen andern Blog.
Was mich allerdings hier stört, ist eine gewisse Doppelzüngigkeit, wenn man bedenkt, wie viele Versionen des Albums erhältlich sind und dass jede ihre Vorteile in Form von Liedern hat, die auf andern nicht enthalten sind, wobei ich durchaus vorsichtig bin, da etwas zu unterstellen, da das Label bei so was viel mitzureden hat und ich nicht weiß, wie groß der Einfluss der Fraktionen Label und Band hier drauf sind.

Krieg kennt keine Sieger: Dazu muss ich nicht viel sagen, die Soldaten selber werden niemals Sieger sein, lediglich die, die daraus Profit schlagen. Absolut gutes Lied, schön düster.

Der Sandmann: Ich liebe depressiv-theatralische Musik (vergleiche meine aktuellen last.fm-Statisiken), darum ist dieses Lied auch einer meiner Favoriten, hat auch einen verhältnismäßige hohen Mittelalterteil.

Früher war alles besser: Hier singen die Spielleute gegen ewig gestrige, die sich die alten Zeiten zurück wünschen und der Meinung sind (wie der Titel sagt), dass früher alles besser war. Gefordert wird ein nach vorn gerichteter Blick, ein Hintersichlassen, aber all das kommt mit einem meiener Meinung nach leicht sarkastischen Unterton, weshalb ich mal unterstelle, dass die Band damit zum Ausdruck bringen möchte, dass ein unreflektiertes Vergangenheitsschwärmen nicht hilfreich ist, genauso wenig wie ein stures Revolutionieren, sondern überdachtes Reformieren der goldene Weg ist (wenn man bedenkt, dass die Mittelalterrock spielen, macht es noch mehr Sinn).
Da stimme ich auch ziemlich überein, muss ich nicht mehr viel zu sagen, lediglich musikalisch ist es nicht ganz so super geworden, teilweise zu seicht.

Bleibt noch Idol: Das Lied ist gegen die Verhaltensweise, sich Vorbilder zu suchen und denen nach zu eifern. An der Stelle muss ich der Band widersprechen, auch wenn die Vorbilder das selber nicht immer unbedingt wollen, halte ich eine Vorbildnahme für durchaus sinnvoll, da es nicht wie man meinen könnte, mangelnde Individualität zur Schau stellt, indem man bereits Vorhandenes nachlebt, sondern den mutigen Schritt, teilweise die (gesamte) Lebensweise (im äußersten Fall) einer andern Person als so gut zu empfinden und für sich als Ideal zu bewerten, dass man sie übernimmt. Auch wenn man das als Nachahmen bezeichnen könnte, ist es meines Erachtens eine Entscheidung, die man respektieren sollte und wenn man Vorbild ist, sollte man selbstverständlich auch mal auf die Schattenseiten hinweisen, wenn die Person diese nicht wahrnimmt.
Jetzt diese Art von Extremausprägung mal beiseite, ich halte Vorbilder für enorm wichtig, da man sich orientieren kann, sehen, wie sich eventuell eigene Ideen, Pläne auf das Leben auswirken können. Zudem können sie Punkte aufzeigen, wo man mal hinkommen möchte und dann findet man den Weg alleine, also steckt man damit praktisch nur den Rahmen ab, handelt aber individuell und merkt dann auf dem Weg, an der Stelle könnte man es noch so oder so machen.
Eines meiner Vorbilder ist z.B. mein Trainer, so wie der ein Training aufzieht will ich das auch können und dürfen, das ist mein Ziel, wie ich da hin komme, ist meine Sache, bei der ich aber sicher auf ihn zurück kommen werden.
Dann haben wir in vielen Dingen eine sehr ähnliche Denke und weil da einfach ein Altersunterschied von etwa 20 Jahren liegt, ist es klar, dass er schon viel mehr mit diesen Einstellungen erlebt und Erfahrung gesammelt hat, die ich noch nicht haben kann. Aber gerade diese Art von Erfahrungen, die teilweise aufeinander aufbauen, sehe ich, dass ich das auch will und so bestärkt mich das Vorbild nur in meiner Einstellung, die ich mir wohl gemerkt selber ausgesucht habe.
Also sollte man Vorbilder nicht verteufeln, aber es natürlich auch nicht übertreiben, auch wenn es durchaus positiv sein kann.

So, genug rumgerätselt, gedacht und genervt, ich muss hinzufügen, das ist nur die Kurzform meiner Gedanken zu diesen Themen, bei Bedarf einfach nachfragen, je nach dem, wie asozial ich gerade drauf bin, werde ich antworten, ausführlich antworten oder auch gar nicht antworten.
Und jetzt kauft euch das Album. Um zur anfangs erwähnten Mathematik zurück zu kommen: 8 von 10. Mit mehr musikalischem Einfallsreichtum wären es 10.

Buuuuuuh.

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